Wo Gewalt beginnt

Neulich beim Einkaufen im Supermarkt, wo es einem durch die geballte Trostlosigkeit auch jetzt, ohne Maulkorb (oder in der Zwischenmaulkorbzeit, weil nach dem Maulkorb ist vielleicht vor dem Maulkorb) alles zusammenzieht: Ein Schimpfen und Fluchen nähert sich, der Urheber kommt ums Eck, ein junger Mann, packt die oberste Palette Dosenbier und schleudert sie von sich, offensichtlich, weil schon ein paar fehlen, nimmt sich die nächste volle darunter und ist auch schon wieder weg. Das unschuldige Opfer des Palettentäters hängt wie in Schockstarre mit völlig durcheinander geratenem, aber vom Plastik fixiertem Inhalt da. 

An der Kassa wird dann alles, was der moderne Mensch so als Nahrungsmittel ansieht, auf das Fließband geschleudert, und ich wundere mich schon wieder über die gute Laune der Kassierin. „Manche Menschen halten wirklich viel aus“, denke ich mir, und dass es wahrscheinlich besser wäre, wenn wir alle nicht so viel aushalten würden. Wir hätten uns nie so viel gefallen lassen sollen. Hätten nie gute Miene zum bösen Spiel machen dürfen, diesem unwürdigen Spiel, in dem wir alle unser Leben lassen. Ganz oft viel zu wenig gelebt.

Beim Heimfahren denke ich noch einmal an den Palettenmann, und im Radio werden wieder alle möglichen Gewalttaten von Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben, aufgezählt. Die Menschen gehen aus Verzweiflung aufeinander los. Opfer werden zu Tätern, wenn sie nicht mehr anders können. Es muss ja fast so sein, dass auch der friedlichste Mensch einmal nicht mehr kann. In einer Welt, in der man von klein auf traurig gemacht wird, wo es nur selten etwas wirklich Schönes gibt, aber Unmengen an Hässlichem und Hass. Wo man von Anfang an dazu gezwungen wird, zu entsprechen und zu funktionieren. In so einer Welt ist Gewalt ein Symptom, das, wie alle Symptome, nicht unterdrückt werden kann und darf. Wir müssen hinschauen und erkennen, wo die ganze Gewalt herkommt.

Und wer uns so gewalttätig macht.

Die einen werden aggressiv, die anderen depressiv als natürliche Reaktion auf ein brutal würdeloses „Leben“. Wir werden gereizt, unsere Nerven liegen blank in einer Welt, die mit unserer Psyche bis ans äußerste geht, und wir suchen und finden die Fehler beim Gegenüber. Bei den Liebsten. Bei uns selbst.

Anstatt bei den wahren Schuldigen. Bei denen, die uns ausbeuten und reizen bis aufs Blut. Die uns unsere Würde nehmen. Wir sind wie die Tiere in der Massenhaltung, aber den Tieren schneiden sie die Hörner und die Schnäbel ab, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen oder umbringen.

Es ist so jammerschade, was der Mensch aus sich hat machen lassen, und es ist ganz dringend notwendig, dass wir endlich aufwachen und erkennen, wer wir wirklich sind. Weil wir sind so viel mehr als die, die versuchen, in einem kranken System zu funktionieren. 

Wir sollten uns zu gut dafür sein, an solch trostlosen Orten einzukaufen. Wir sollten uns zu gut für diesen ungenießbaren Dreck sein, mit dem sie uns dort abspeisen. Wir sollten uns gesunde Lebensmittel leisten können. Und wer will, soll sich ungesunde Lebensmittel leisten können, aber liebevoll zubereitet sollte alles sein, nicht mit Kinderarbeit, nicht mit diesem himmelschreienden Tierleid, nicht mit dieser rücksichtslosen Umweltzerstörung, nicht mit immer mehr Ausbeutung, nicht in so viel Plastik verpackt, nicht einem System angepasst, wo die Hälfte der Lebensmittel weggeworfen wird und Leben nicht zählt. 

Es muss endlich aufhören, dass Menschen krank machenden Supermarktdreck fressen müssen, der uns abstumpft, traurig und krank macht und die Welt immer trostloser.

Wir dürfen uns nicht länger dazu zwingen lassen, dieses betäubende Leben zu führen und unseren Frust dann bestenfalls an unschuldigen Paletten auszulassen. Wir müssen uns daran erinnern, wer wir wirklich sind. Wir sollten endlich aufwachen und uns gegen dieses würdelose Dasein wehren. 

Bild von Devoka auf Pixabay

Published by

Claudia Maria

Ich wollte immer freier sein, und die geltenden Spielregeln habe ich schon als Kind angezweifelt. Meine Fragen waren immer: Warum tun die Menschen all das der Natur, den Tieren, einander und sich selbst an? Wofür? Die Erklärungen waren und sind für mich billige Ausreden. Warum können wir nicht endlich miteinander in Frieden leben? Jeder als für die anderen unverzichtbares Puzzleteilchen, jeder mit seiner eigenen Schönheit, in Liebe zum Leben und zueinander... gemeinsam ein großes, buntes, wunderbares Bild. Meine für mich selbst gefundenen Antworten waren immer die einzigen, denen ich vertrauen konnte. So bin ich heute ein ziemlich eigensinniger, selbstbestimmter Mensch. Ich bin so dankbar für meinen Weg und dankbar allen Menschen, die mich inspiriert haben. Vegan zu leben ist für mich der Anfang vom Frieden und die Basis aller Bemühungen um eine bessere Welt.

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